Über 150 Jahre nach der Eröffnung der weltweit ersten U-Bahn in London ist dieses Pendant immer noch eine Überraschung – denn wir befinden uns nicht etwa in einer modernen Metropole, sondern in einem beschaulichen Tiroler Dorf mit 1200 mobilitätsbewussten EinwohnerInnen.

Lächelnd lauscht Paul Greiter, der Bürgermeister, der freundlichen Kinderstimme aus dem Bahnlautsprecher: „Next Station: Serfaus Ortszentrum“. Die grünen Türleuchten tauchen den mittlerweile schon in die Jahre gekommenen Wagen in futuristisches Licht.
Die örtliche Volksschule wird immer wieder mit in die Gestaltung der Bahn einbezogen – und das Wohl der Kinder stand auch am Anfang der ganzen Geschichte, wie eine U-Bahn sich in die Tiroler Bergwelt verirren konnte.

Erste Station:
Vor dem Bau heißt im Verkehrschaos

Serfaus in den Jahren des Wirtschaftswachstums – immer mehr Touristen reisen an, um in den Tiroler Bergen das Skifahren zu lernen und bringen im nächsten Jahr doppelt so viele Freunde mit. Schon früh wird entschieden, den Parkplatz für die Gäste vor den Ortseingang zu legen – Platz ist ohnehin sonst nur wenig in dem engen Bergdorf. Doch auch die Reisebusse, die von dort die Gäste zur Seilbahn bringen werden immer mehr und schon bald können die Eltern ihre Kinder nicht mehr allein zum Kindergarten oder zur Schule schicken, zu gefährlich die Verkehrssituation. Eine Lösung muss her.

Zweite Station: Think Global, Act Local


In einer Gemeindesitzung wurde der Vorschlag einer unterirdischen Bahn zunächst nur belächelt. So schaute sich eine Tiroler Delegation auch die Rollfelder im Frankfurter Flughafen als mögliche Transportlösung an. In voller Skiausrüstung wurde getestet, doch der Funke sprang nicht ganz über, zu langsam und umständlich das System. Schienensysteme kamen aber wegen der Schallübertragung auch nicht in Frage, zu laut wäre es in den angrenzenden Häusern geworden.
Der zündende Gedanke kam schließlich von der anderen Seite des Globus: In den USA gab es ein Luftkissensystem, das zwei Krankenhäuser miteinander verband. Ing. Stefan Mangott, der heutige Geschäftsführer der Bahn erzählt:

„Von der Reise dorthin wurde unsere jetzige Bahn sozusagen im Koffer mit zurückgebracht.“

dritte station: 
Beschlossen heißt noch lange nicht gebaut

Bis zur erfolgreichen Fertigstellung sollte es noch einige Hindernisse zu überwinden geben, seien es aufzubringenden Grundeigentümer oder die Gewohnheit der Menschen, die zum Beispiel dafür sorgte, dass ein Bauer seinen Mist ohne lange darüber nachzudenken durch die übliche Luke auf die darunter werkelnden Bauarbeiter entlud.
„Wir ziehen heute noch den Hut vor Weitsicht und dem Pioniergeist dieser Tage und den einzelnen Personen dahinter“, freut sich Bürgermeister Greiter über den Meilenstein. „Die Bedeutung der damals unvorstellbar hohen Investition ist seither eher noch gewachsen – daher investieren wir nun in die Modernisierung.“

Vierte Station: vom jetzt in die zukunft

Nachdem die 1985 eröffnete Luftkissenschwebebahn mit Seilantrieb zwischen 500.000 (Sommer) und 800.000 (Winter) Fahrgäste pro Saison und damit in ihrem 33-jährigen Betrieb insgesamt über 33 Millionen Menschen unfallfrei transportiert hat, aber das Ersatzteillager langsam zuneige ging, stand eine Modernisierung an.

 Die Elektrotechnik und die Antriebsräder mussten erneuert, die Stationen sowohl Kinderwagen- als auch Rollstuhltauglich gemacht werden. Mit Abschluss der Bauphasen werden mehr Fahrgäste in den neuen Wagons Platz finden und schon jetzt weht kein eisiger Wind mehr durch die unterirdisch miteinander verbundenen Stationen: Glaswände halten die angenehmen natürlichen Temperaturen nun konstant.

oberirdisch gut

In Serfaus wurde das Verkehrskonzept „U-Bahn“ von Beginn an mit einem innerörtlichen Fahrverbot für Tagesgäste verbunden und vor wenigen Jahren sogar vom Winter auf den Sommer ausgedehnt. Auch die Serfauser dürfen im Winter keine Besorgungsfahrten im Ort mit dem Auto erledigen, im Sommer ist diese Regel freiwillig. Der ganze Ort ist eine „Begegnungszone“, in der alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind – es gilt 20 km/h Höchstgeschwindigkeit und Parkverbot. Nur wer in Serfaus übernachtet, darf mit dem Auto einfahren und in einer der Garagen parken.

Serfaus z'liab

All diese Regeln werden auch streng kontrolliert. „Verkehr ist ein Thema, das nie statisch ist“, fasst Greiter zusammen. „Hier braucht es mutige Entscheidungen und stetige Bewusstseinsbildung. Unser Motto „Serfaus z’liab“ wird durch Bürgerversammlungen, Aufkleber, Feste, Artikel in der Dorfzeitung und T-Shirts in der Gemeinde gelebt und entwickelt sich stetig weiter. Und die Argumente der Staubbelastung, des Lärms und der Sicherheit, kurz die Lebensqualität stehen nach wie vor im Vordergrund.“

Ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept

Ob Serfaus in Zukunft auch noch besser an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sein wird, bleibt abzuwarten.
„Wir sind hier in intensiven Gesprächen“, erklärt Greiter.

„Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig und es gibt immer wieder Potenziale die wir nutzen – wie zum Beispiel die Versorgung der ‚Leithewirt’ – Hütte mit Erdwärmesonden, einer Wärmepumpe und der Abwärmenutzung der Kühlhäuser.“


Diese Geschichte ist erschienen: 2018

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