Erschienen: Juni 2026 / Lesedauer: 4 Minuten / Erfahre hier mehr über die Sonnenenergie
Autobahnen schlafen nicht. Tag und Nacht sorgen Beleuchtung in Tunneln und Galerien, Leitsysteme, Ampeln und Betriebsgebäude dafür, dass der Verkehr sicher fließt. All das braucht natürlich viel Energie. Der Großteil fließt in die Straßeninfrastruktur, wie etwa die Beleuchtung oder die Betriebs- und Sicherheitsausrüstung von Autobahntunneln – und davon gibt es in Tirol einige.
„Wir unterscheiden uns eigentlich gar nicht zu einem normalen Haushalt“, sagt Stefan Sperling, Projektleiter bei der ASFINAG. Auch für das Unternehmen gilt: Strom soll möglichst effizient genutzt und möglichst günstig erzeugt werden. Wenn er dann noch in Tirol selbst erzeugt wird, profitiert auch die Energieautonomie des Landes. Als Eigentümerin gibt die Republik Österreich den Rahmen vor: Der Anteil an selbst erzeugtem, erneuerbarem Strom soll so hoch wie möglich sein. „Das Ziel der ASFINAG ist ganz klar, dass wir unseren Bedarf zu 100 Prozent selbst erzeugen“, bringt es Sperling nochmal auf den Punkt. Konkret bedeutet das: eigene, erneuerbare Erzeugungsanlagen wie Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft sollen bis zu einer Leistung von insgesamt 100 Gigawattstunde (GWh) ausgebaut werden
Vieles wurde bereits in den letzten Jahren umgesetzt. Und auch Photovoltaik ist längst Teil des Alltags im Autobahnbetrieb. Die Anlagen haben sich mittlerweile bewährt und befinden sich häufig auf Autobahnmeistereien, diese dienen als Betriebsstätten, von denen aus die Autobahnen gewartet, geräumt und betreut werden. Auch viele Tunnelwarten – hier werden Verkehr und Technik eines Tunnels überwacht und gesteuert – sind mit PV-Modulen ausgestattet. Doch die Nutzung, vor allem von Lärmschutzwänden, aber auch Galeriedächern als Energieinfrastruktur, ist Neuland.
Im Herbst 2025 wurde entlang der A12 im Inntal ein zweiteiliges Pilotprojekt fertiggestellt: Photovoltaik-Module auf einer Lärmschutzwand – auf insgesamt 1,2 Kilometern Länge. Die Module der Anlage haben eine verbaute Leistung von 229 Kilowattpeak (kWp) und produzieren zu Spitzenzeiten 1.600 Kilowattstunden (kWh) am Tag. Der Jahresertrag von 220.000 kWh würde den Jahresstrombedarf von 55 durchschnittlichen Einfamilienhäusern mit 4-Bewohner*innen decken.
Was auf den ersten Blick wie ein logischer nächster Schritt wirkt – nämlich bestehende Flächen wie Lärmschutzwände für die Energieproduktion zu nutzen – ist technisch alles andere als einfach umzusetzen. Denn Lärmschutzwände sind nicht dafür gebaut, zusätzliche Lasten oder sensible Technik wie PV-Module zu tragen. Dazu kommen besondere Umwelteinflüsse entlang der Autobahn wie der Winterdienst.
Lucas Delic, Projektleiter Photovoltaik Ortner
Was für die Verkehrssicherheit im Winter unverzichtbar ist, wird für Photovoltaik zur Belastungsprobe. Streusalz kann Materialien angreifen und Korrosion verursachen. Während die verbauten PV-Module sich nicht von denen auf Hausdächern unterscheiden, steckt in der Unterkonstruktion viel Spezialwissen. Eine Standardlösung würde hier schnell an ihre Grenzen stoßen.
Deshalb wurde eine eigene Lösung für die Herausforderungen entwickelt, wie eine widerstandsfähige Unterkonstruktion, die mit Edelstahlschrauben verankert wird. „Die Korrosionsbeständigkeit war der Kernpunkt dieses Projektes. Daher haben wir eine eigene Sonderkonstruktion entwickelt, die viel Entwicklungszeit in Anspruch genommen hat“, erklärt Lucas Delic von Photovoltaik Ortner. Das Tiroler Unternehmen ist auf PV-Anlagen im Industrie- und Gewerbebereich spezialisiert – von der Planung über die Errichtung bis zur Wartung. Für das Projekt wurden rund 75 Kilometer Kabel verlegt. Etwaige Sorgen der Autofahrerinnen und -fahrer gegenüber der PV-Anlage sind unbegründet: Die Module sind blendarm ausgeführt und verursachen keine störenden Reflexionen.
Ein weiteres zentrales Prinzip der ASFINAG lautet, den eigenen Strom so gut es geht selbst zu verbrauchen. Das zeigt sich etwa am Rastplatz Zirl. Der aktuelle Strombedarf liegt hier bei rund 30 kW pro Tag – die PV-Anlage liefert jedoch deutlich mehr. Zukünftig soll am Rastparkplatz Ladeinfrastruktur für E-Autos und -LKW entstehen, um den erzeugten Strom komplett zu nutzen.
Solange die Wirtschaftlichkeit gegeben ist, prüft die ASFINAG laufend neue Standorte für den Ausbau der Photovoltaik. Das langfristige Ziel: den Eigenbedarf weitgehend mit selbst erzeugter, erneuerbarer Energie abzudecken – und damit einen konkreten Beitrag zur Energiewende zu leisten.
Wie viel Potenzial in dieser Strategie steckt, zeigt ein weiteres Projekt: die Photovoltaik-Anlage auf der Galerie Schönberg im Stubaital. „Mit rund 1 Megawatt installierter Leistung ist sie die größte PV-Anlage der ASFINAG in Westösterreich“, wie uns Projektleiter Andreas Jörg sichtbar stolz erklärt. Fertiggestellt wurde sie 2025 mitten in einer atemberaubenden Landschaft umringt von den Stubaier Alpen und in unmittelbarer Nähe zu Anrainerinnen und Anrainern, aber für diese trotzdem kaum sichtbar.
Auch die die Erhaltung des Landschaftsbildes sowie diverse Umweltauflagen waren wichtige Punkte und stellten in Summe besondere Anforderungen an die Planung. Diese Berücksichtigungen haben die vermeintlich nicht optimale Ausrichtung zur Folge, die sofort auffällt. Zusätzlich war die Bauphase anspruchsvoll: Aufgrund von Lastbeschränkungen durften keine schweren LKW auf das Galeriedach fahren. Alle Bauteile mussten kleinteilig transportiert und die Fundamente direkt vor Ort gegossen werden. Trotz dieser Einschränkungen liefert die Anlage genau das, was sie soll: Sie deckt übers Jahr gesehen den gesamten Strombedarf der Galerie – für Beleuchtung, Sicherheit und Betriebstechnik – vollständig aus selbst produzierter, erneuerbarer Energie.
Noch ist die Photovoltaik auf Lärmschutzwänden ein Pilotprojekt. Ob und wo diese Umsetzungsart künftig großflächig zum Einsatz kommt, wird sich zeigen.
Klar ist jedoch die Richtung: bestehende Infrastruktur mehrfach nutzen, Flächen effizient einsetzen und Energie genau dort erzeugen, wo sie benötigt wird. Dächer, Galerien – und vielleicht bald immer öfter auch Lärmschutzwände. So wird die Autobahn als Infrastruktur Stück für Stück ein wenig nachhaltiger. Bleibt noch der Verkehr.