Erschienen: August 2025 / Lesedauer: 4 Minuten / Erfahre hier mehr über Wasser
Der Schöngrabenbach rauscht durch die e5-Gemeinde St. Anton am Arlberg und liefert gleichzeitig saubere Energie. Das Wasserrecht der Familie Huter, das bereits zu Zeiten Maria Theresias zurückreicht, ermöglicht bis heute die generationenübergreifende Energiegewinnung mithilfe der Wasserkraft. Mit dem Ausbau der bestehenden Anlage und dem Ausschöpfen des bestehenden Potenzials hat der aktuelle Betreiber und Inhaber Christian Huter die Weichen für die Zukunft gestellt.
Christian Huter ist Eigentümer des Hotels Tenne, das seine Familie seit Generationen direkt an einem Bach betreibt. Schon als Kind war das Rauschen des Wassers für ihn alltäglich und die Energie daraus eine Selbstverständlichkeit. Bereits zum zweiten Mal hat er die Wasserkraftanlage nun erneuert – einmal vor 40 Jahren mit seinem Vater und jetzt erneut, für die kommende Generation. Lange hat er mit der Entscheidung gerungen, denn die bestehende Anlage funktionierte noch einwandfrei. Doch der Blick in die Zukunft gab den Ausschlag: „Letztendlich ging es mir um mehr. Ich wollte nicht nur für heute, sondern auch für meine Kinder und Enkelkinder vorausschauen. Mit diesem Gedanken war die Entscheidung getroffen. Gemeinsam mit den Expert*innen der Energieagentur Tirol haben wir diese Vision dann in einen konkreten Plan verwandelt.“
Eine bestehende Anlage zu erneuern, bedeutet weit mehr, als nur alte Teile auszutauschen. Es ist eine Chance, das volle Potenzial eines Standorts neu zu bewerten. Regina Mayer vom Planungsbüro flussplan e.U. erklärt den Prozess: „Am Anfang steht immer die zentrale Frage: Nutzt das Kraftwerk sein volles Potenzial, ohne die Ökologie des Baches zu stören? Um das herauszufinden, haben wir gemeinsam mit der Energieagentur Tirol und dem Eigentümer genaue Messungen der Abflussmenge durchgeführt. Die Analyse zeigte, dass wir mit moderner Technik mehr Wasser nutzen können – natürlich im Einklang mit allen Umweltauflagen. Dadurch lässt sich der Ertrag an sauberem Strom deutlich steigern und das Kraftwerk leistet einen noch größeren Beitrag für die Energiezukunft.“
Dieser Wert gibt an, wie viel Wasser zur Verfügung steht. Bei einem Wasserkraftwerk geht es darum, wie viel Wasser aus dem Fließgewässer durch die Anlage geleitet werden kann, um Strom zu erzeugen. Bei diesem Projekt konnte die nutzbare Wassermenge von 120 l/s auf 200 l/s gesteigert werden.
Das sind Messwerte, die zeigen, wie viel Wasser im Gewässer auch im Winter sowie bei sehr trockenem Wetter fließt. Sie sind wichtig, damit sichergestellt wird, dass in der Ausleitungsstrecke eines Kraftwerkes immer noch genug Wasser im Gewässer bleibt, um die Natur und die Lebewesen darin zu schützen.
Die Analyse zeigte schnell: Für mehr Leistung reichte ein einfaches Upgrade nicht aus. Zentrale Bauteile wie die Wasserfassung, die Druckrohrleitung und das Herzstück der Anlage, der Maschinensatz, mussten komplett neu gedacht werden. Regina Mayer betont, dass moderne Wasserkraft immer im Einklang mit der Natur entsteht: „Ein Kraftwerk wird heute nicht einfach nur nach technischen Plänen gebaut. Es ist ein tiefgreifender Eingriff, der höchste ökologische Standards erfüllen muss. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir die vorgeschriebenen Niederwasserkennwerte erheben und strenge Naturschutzauflagen von Anfang an in die Planung integrieren.“
Dass ein solches Projekt Sorgfalt und Zeit braucht, zeigt die Planungs- und Bauzeit von rund zehn Jahren. In dieser Zeit war ein intensiver Dialog nötig, denn ein Vorhaben dieser Größenordnung gelingt nur gemeinsam – im engen Austausch mit allen Grundstückseigentümer*innen, der Gemeinde und dem Land.
Seit 2023 ist es so weit: Das erneuerte Kleinwasserkraftwerk der Familie Huter ist am Netz und übertrifft alle Erwartungen. Mario Dullnig, Experte der Energieagentur Tirol, hat die Familie über die Jahre begleitet und freut sich über das Ergebnis: „Wir konnten die Stromerzeugung durch die Modernisierung verdoppeln. Das ist ein fantastisches Ergebnis und ein wichtiger Schritt auf unserem Weg zu TIROL 2050 energieautonom. Gerade diese vielen kleinen Wasserkraftwerke sind eine tragende Säule unserer regionalen Energieversorgung. Sie liefern rund 25 Prozent unseres Stroms aus Wasserkraft, und viele ältere Anlagen bergen – wie wir hier sehen – enormes Potenzial. Jede modernisierte Anlage ist ein Gewinn für unsere Unabhängigkeit.“
Diese beschreibt die gesamte Strommenge, die das Kraftwerk über einen bestimmten Zeitraum (meist ein Jahr) produziert hat. Das ist die tatsächliche Ausbeute, die dann genutzt oder eingespeist wird.
In einem Jahr kann das Kraftwerk nun doppelt so viel Strom erzeugen, wie vor der Erneuerung. Der Ertrag wurde von 0,35 auf rund 0,7 Gigawattstunden (GWh) gesteigert.
Mario Dullnig, Energieagentur Tirol
Das Beispiel am Schöngrabenbach zeigt eindrucksvoll, wie viel saubere Energie in bestehenden Anlagen steckt, ohne dass dafür neue Eingriffe in die Natur nötig sind. Mario Dullnig erklärt die Rolle der Energieagentur Tirol dabei so: „Genau hier setzen wir an. Unsere Aufgabe ist es, dieses schlummernde Potenzial gemeinsam mit den Betreiber*innen zu heben. Wir begleiten sie von der ersten Idee bis zur Umsetzung – ganz konkret haben wir hier zum Beispiel über ein Jahr lang die Abflussmessungen durchgeführt und so die verlässliche Datengrundlage für die gesamte Planung geschaffen.“
Das Ergebnis dieser intensiven Partnerschaft ist beeindruckend: Die Leistung des Kraftwerks konnte von 50 auf 150 Kilowatt (kW) verdreifacht werden. Das bedeutet, es leistet nun dreimal so viel Strom. Eine Begleitung, die erst endete, als die Anlage sicher und zur vollen Zufriedenheit aller am Netz war.
Der Erfolg der neuen Anlage spiegelt sich direkt im Hotelalltag wider. „Den Großteil des Jahres versorgen wir unseren Betrieb nun komplett selbst“, erklärt Christian Huter. „Die überschüssige Energie, besonders in den wasserreichen Monaten, geben wir ins öffentliche Netz ab.“ Und wenn in der Hauptsaison doch einmal mehr Strom gebraucht wird, kommt dieser direkt aus der Nachbarschaft: von der Gemeinde, die ebenfalls auf saubere Wasserkraft aus der Region setzt.
Für ihn ist dieses regionale Zusammenspiel ein echter Mehrwert. „Es ist ein gutes Gefühl, auf die eigene, saubere Energie zählen zu können. Das spüren auch unsere Gäste, selbst wenn viele heute gar nicht mehr genau wissen, wie Wasserkraft funktioniert“, schmunzelt er. Vielleicht müssen sie das auch nicht. Es genügt, wenn es Menschen wie Christian Huter gibt, die Verantwortung übernehmen und die Zukunft einfach machen.