Erschienen: Dezember 2025 / Lesedauer: 4 Minuten / Erfahre hier mehr über Wasser
Die 2021 in Betrieb genommene Wasserversorgungsanlage „Stöttlbachursprungsquelle“ in der e5-Gemeinde Mieming ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen der Wassergenossenschaft Obermieming-Untermieming-Fiecht. Sie schafft es nicht nur die gesamte Bevölkerung zuverlässig mit Trinkwasser zu versorgen, sondern erzeugt dank einer zwischengeschalteten Turbine auch elektrische Energie.
Dabei nutzt das Trinkwasserkraftwerk die natürlichen Gegebenheiten der Berglandschaft: konstantes Wasser, starkes Gefälle und folglich hohen Druck. Alles zusammen sorgt dafür, dass die Bewegungsenergie des Wassers in elektrische Energie umgewandelt werden kann. Mittelfristig soll die erzeugte Energie außerdem in eine lokale Energiegemeinschaft fließen, damit die Menschen in der Gemeinde nicht nur bestes Trinkwasser aus ihrer eigenen Quelle beziehen können, sondern auch sauberen Strom zu stabilen Preisen. Doch zurück zum Anfang.
Eine Wasserversorgungsanlage dient der Bereitstellung von Trinkwasser. Dazu gehören Quellen, Hochbehälter, Pumpstationen und Leitungsnetze – also die Infrastruktur, die nötig ist, um sauberes Wasser zuverlässig in die Wasserhähne zu bringen. Bei einem Trinkwasserkraftwerk wird das Wasser aus einer bestehenden Wasserversorgungsanlage zur Stromerzeugung genutzt. Das Wasser fließt dabei durch eine Turbine, erzeugt Strom und wird anschließend weiterhin als Trinkwasser bereitgestellt. Auf diese Weise wird zusätzlich Energie gewonnen, ohne dass die Trinkwasserversorgung beeinträchtigt oder ein zusätzlicher Eingriff in das Ökosystem nötig ist.
„Ich bin seit den 1980er-Jahren Mitglied der Wassergenossenschaft“, erklärt Obmann Alois Larcher. „Und damals war uns schon klar, dass wir langfristig etwas für eine stabile Wasserversorgung in der Gemeinde tun müssen“, führt er fort. Die damaligen Quellen würden den Test der Zeit nicht mehr ewig bestehen, und so begann die Suche nach Alternativen. „Wir haben schon lange gewusst, dass in der Mieminger Kette viel Wasser zur Verfügung steht, mussten dies aber natürlich prüfen lassen und haben 2004 Kontakt mit dem Büro Gstrein aufgenommen“, erzählt Larcher. Gemeinsam wurde die Planung aufgenommen und der Weg zur Bewilligung der Anlage beschritten.
Alois Larcher, Obmann Wassergenossenschaft Obermieming-Untermieming-Fiecht
Eine Wassergenossenschaft ist ein Zusammenschluss mehrerer Personen, die sich für eine sichere und nachhaltige Wassernutzung in ihrer Region einsetzen. Sie übernehmen gemeinsam Aufgaben wie Trinkwasserversorgung, Schutz vor Hochwasser, Entwässerung oder Pflege von Gewässern. Ähnlich wie in einem Verein engagieren sich die Mitglieder freiwillig und ohne Entlohnung. In Tirol gibt es über 300 Wassergenossenschaften, die auf diese Weise eine zentrale Rolle in der regionalen Wasserbewirtschaftung spielen.
„Wir als Planungsbüro müssen gerade bei solchen Projekten besonders auf die Expertise der lokalen Personen vertrauen, da diese meist die besten Vermutungen haben, wo sich ausreichend Wasser befinden könnte“, erklärt Engelbert Gstrein, Geschäftsführer des ausführenden Planungsbüros Gstrein & Partner. „Natürlich wird das dann ausführlich geprüft, denn neue Quellbohrungen dürfen nur unter strengsten Naturschutzauflagen durchgeführt werden. Zudem muss vorab geklärt werden, ob das Wasser überhaupt benötigt wird“, erläutert Gstrein, der sich mit dem Verfahren bestens auskennt. 2017 wurde schließlich der Bescheid nach sorgsamer, jahrelanger Prüfung ausgestellt. 2021 ging die Anlage in Betrieb und sorgt seitdem für eine gesicherte Trinkwasserversorgung der e5-Gemeinde Mieming.
Engelbert Gstrein, Geschäftsführer des Planungsbüros Gstrein & Partner
Doch das Projekt sollte noch mehr bewirken als die gesicherte Trinkwasserversorgung. Im Zuge der Quellbohrung wurde auch ein neues Trinkwasserkraftwerk in Betrieb genommen. „Wir haben bei dieser Anlage einen tollen Mehrfachnutzen“, erzählt Gstrein. „Da die Quelle relativ weit oben im Gebirge liegt, muss das Wasser zuerst rund 300 Höhenmeter bergab überwinden, bis es im Hochbehälter gesammelt und gepuffert wird“, führt er fort. „Damit das Wasser dort hinein kann, bräuchten wir ohnehin einen Druckvernichter, da der Druck des Wassers sonst zu hoch wäre. Diesen Job übernimmt nun die Turbine und sorgt gleichzeitig für sauberen Strom“, freut sich Gstrein.
So entsteht ein doppelter Nutzen: Die Turbine bremst das Wasser auf dem Weg in den Hochbehälter kontrolliert ab, sodass es für die Trinkwasserversorgung genutzt werden kann, und erzeugt dabei elektrische Energie.
Ein Druckvernichter in einer Wasserversorgungsanlage ist ein Gerät, das zu hohen Wasserdruck kontrolliert abbaut, um Leitungen und Armaturen zu schützen. In einem Trinkwasserkraftwerk wird der Druckvernichter durch eine Turbine ersetzt. Das Wasser fließt durch die Turbine, erzeugt Strom und erreicht gleichzeitig den für die Versorgung sicheren Druck. So wird die zuvor ungenutzte Energie sinnvoll genutzt, ohne die Trinkwasserversorgung zu beeinträchtigen.
Nicht nur das Planungsbüro ist erfreut über die Entwicklung der Wasserversorgungsanlage. Auch die Gemeinde weiß um die Bedeutung dieses einzigartigen Projekts. „Das Allerwichtigste für uns war natürlich die Sicherung der Wasserversorgung über Jahrzehnte hinweg“, erklärt Stefan Pickelmann, der Vizebürgermeister der e5-Gemeinde Mieming. „Dass hier auch noch ein Kraftwerk in Betrieb genommen werden konnte, erleichtert nicht nur die Finanzierung dieses wichtigen Projekts. Wir können die Energie mittelfristig auch über eine Energiegemeinschaft unseren Bürger*innen zur Verfügung stellen“, freut er sich besonders. „Das macht uns unabhängiger von Marktschwankungen und sichert die Energieversorgung.“
Stefan Pickelmann, Vizebürgermeister e5-Gemeinde Mieming
Eine Energiegemeinschaft ist ein Zusammenschluss von Bürger*innen, Gemeinden oder Unternehmen, um gemeinsam Energie zu erzeugen, zu nutzen, zu speichern und zu verkaufen – und das in der Regel regional. Der erzeugte Strom wird zwischen den Mitgliedern zu einem gemeinsam vereinbarten Tarif geteilt. So kann der Strompreis innerhalb der Gemeinschaft unabhängig von den Schwankungen am Strommarkt festgelegt werden. Durch die Energiegemeinschaft bleibt der Nutzen von Energieprojekten in der Region und stärkt die Energiewende direkt vor Ort.
„Quellerschließungen wie diese können natürlich auch zur Zielerreichung von TIROL 2050 energieautonom beitragen, wenn die Quellen energetisch durch Trinkwasserkraftwerke genutzt werden“, berichtet Felix Thalheim, Experte für Hydrogeologie bei der Energieagentur Tirol. „So wird nicht nur die Energie genutzt, Kraftwerke wie diese schaffen auch für Gemeinden neue Unabhängigkeit und größeren finanziellen Spielraum, um die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern“, führt er fort. „Wir stehen hier vor einem Musterbeispiel in Sachen Quellerschließung: die horizontalen Tiefbohrungen, die das Wasser aus dem Inneren des Berges holen, der Mehrnutzen durch die Wasserkraft und vor allem auch, dass das Projekt durch eine Wassergenossenschaft im Sinne der Gemeinde gestemmt wurde“, schließt Thalheim ab.
Projekte wie dieses zeigen, dass sich langfristige Planung lohnt. Das Wasser, das in der Mieminger Kette reichlich vorhanden ist, ist nun umweltverträglich nutzbar und das für mindestens 50 bis 100 Jahre. Solange das Wasser fließt, fließt auch der Strom – hoffentlich schon bald als Teil einer Energiegemeinschaft.