Hitzeaktionsplan Stadt Innsbruck

Von Hitzeinseln und Kühloasen

Wenn wir über Hitzeinseln sprechen, meinen wir nicht die nächste Urlaubsdestination, sondern Orte, die sich besonders schnell und stark erhitzen. In Städten sind das meist Plätze mit großen versiegelten Flächen und wenig Schatten. So ist oder war das auch in Innsbruck, denn dort wurden zwei Hitze-Hotspots zu Kühloasen umgestaltet. Wie das geht und ob das Versprechen hält, haben wir uns angesehen.

Erschienen: Juli 2026 / Lesedauer: 5 Minuten / Erfahre hier mehr über die Klimaschutz

Der Klimawandel stellt vor allem urbane Räume vor große Herausforderungen. Versiegelte Flächen verstärken den Effekt der Überwärmung und sorgen dafür, dass sich Städte mit neuen Maßnahmen daran anpassen müssen. Innsbruck hat deshalb 2025 den sogenannten Hitzeaktionsplan ins Leben gerufen. Dieser soll die geplanten Schritte gegen sommerliche Überhitzung bündeln und strukturieren sowie weitere wichtige Herausforderungen adressieren, wie etwa den Schutz bei Extremwetterereignissen. Vorausgegangen ist eine fundierte Klimaanalyse, um Orte zu definieren, die von besonderer Überhitzung betroffen sind.

Einer der daraus resultierenden konkreten Schritte ist die Abkühlung im öffentlichen Raum, um die Aufenthaltsqualität für Menschen in der Stadt auch in Zukunft zu gewährleisten. Der DDr.-Alois-Lugger-Platz und der neu gestaltete Bozner Platz sind erste Ergebnisse dieser umfangreichen Maßnahmen und zeigen, wie Innsbruck in Zukunft aussehen kann: viel Grün, durchdachte Hitzeschutzmaßnahmen und viel Raum für Mensch und Leben. Wir waren bei beiden Plätzen vor Ort und haben uns mit den Verantwortlichen der Stadt getroffen, um mehr über diese neuen Oasen zu erfahren.

DDr.-Alois-Lugger-Platz

Was jahrzehntelang als vollversiegelter Betonplatz mit einer Fläche von 4.200 Quadratmetern mehr oder weniger ungenutzt blieb, entwickelte sich dank der umfangreichen Umgestaltung durch die Stadt Innsbruck zu einem zentralen Ort der Begegnung für Jung und Alt im Olympischen Dorf – ein Ort mit nun 900 Quadrametern Grünfläche, Sitzgelegenheiten, Spiel- und Trainingsgeräten sowie einer Bühne für lokale Veranstaltungen. Basierend auf einem groß angelegten Bürger*innen-Beteiligungsprozess, war Christine Schermer, die damalige Leiterin des Projekts mit dem Titel „Klimafitte Platzgestaltung DDr.-Alois-Lugger-Platz“, mitverantwortlich für die Umgestaltung.

„Wir haben hier als Lösung ein sogenanntes ‚Grünes Wohnzimmer‘ geschaffen, ...“

Christine Schermer, Projektleiterin „Klimafitte Platzgestaltung DDr.-Alois-Lugger-Platz“

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Vom versiegelten Betonplatz zur grünen Begegnungszone, vom stark frequentierten Durchgangsort zur spürbar kühleren Aufenthaltsfläche: Am DDr. Alois‑Lugger‑Platz und am Bozner Platz wird sichtbar, wie unterschiedlich genutzte Orte mit denselben Prinzipien zu Kühloasen werden können.

Bildergalerie vom DDr.-Alois-Lugger-Platz

„Da der gesamte Platz unterkellert ist und eine Tiefgarage beherbergt, stellte uns das vor große Herausforderungen, diesen Platz überhaupt klimafit anzupassen“, erklärt Schermer. „Wir haben hier als Lösung ein sogenanntes ‚Grünes Wohnzimmer‘ geschaffen, sprich den Platz teilweise erhöht und somit 23 Bäume und Sträucher pflanzen sowie eine große Fläche begrünen können“, führt sie fort. „Natürlich muss man bei einem öffentlichen Platz auch dafür sorgen, dass sich Menschen jeden Alters hier aufhalten können. Daher gibt es zahlreiche Sitz-, Spiel- und Trainingsmöglichkeiten, die teilweise auch extra beschattet wurden“, erzählt Christine Schermer über die Hintergründe der Planung.

Bozner Platz

Auch ein Platz, aber mit völlig anderer Nutzung, findet sich mitten in der Innsbrucker Innenstadt. Der Bozner Platz wurde vor Kurzem neu eröffnet, umfangreich neu konzipiert und so zu einem zentralen Ort sowie einem Vorzeigebeispiel des Hitzeaktionsplans der Stadt.

Viele Bäume, zahlreiche Sitzgelegenheiten und ein kühlender Brunnen sollen Menschen, die sich in der Stadt aufhalten, dazu einladen, sich auch bei warmen Temperaturen im Freien aufzuhalten. Wir haben Christian Müller, den Projektverantwortlichen des Umbaus, getroffen und ihn zu Details befragt.

„Hier am Bozner Platz zeigen unsere Modelle, dass in 20 Jahren die gefühlte Temperatur, die entscheidend für den Aufenthalt ist, um 18 Grad unter jener liegen wird, die wir heute vorfinden“

Christian Müller, Projektleiter Neugestaltung Bozner Platz

„Wir denken bei derartigen Projekten natürlich auch langfristig und stellen Berechnungen an, wie sich zum Beispiel Temperaturen lokal verändern werden. Hier am Bozner Platz zeigen unsere Modelle, dass in 20 Jahren die gefühlte Temperatur, die entscheidend für den Aufenthalt ist, um 18 Grad unter jener liegen wird, die wir heute vorfinden“, erklärt Müller. „Ein ganz wichtiges Prinzip des Bozner Platzes ist das sogenannte Schwammstadtprinzip. Daher haben wir hier auch viel wasserdurchlässige Schotterfläche. Das macht den Platz versickerungsfähig und versorgt gleichzeitig die Bäume am Platz mit Wasser“, führt er fort.

Energiequelle Bozner Platz

Unter dem Platz befindet sich ein Entnahmebauwerk, dass aus 30 Meter Tiefe Grundwasser fördert und über ein Leitungsnetz an umliegende Gebäude, wie etwa DAS RAIQA oder die Zentrale der TIROLER VERSICHERUNG verteilt. In den Gebäuden nutzen Wärmepumpen die Energie des Grundwassers zum Heizen und Kühlen. Anschließend wird das Wasser zur weiteren Nutzung zurückgeführt. Im Jahr liefert das System rund 4.500 Megawattstunden an Leistung – genug für gut 1.100 durchschnittliche Einfamilienhaushalte.

Prinzip Schwammstadt

Dass Bäume Schatten spenden und so für Abkühlung sorgen, ist für viele Menschen klar. Expert*innen in der Stadt- und Grünplanung geht es jedoch vielmehr um das, was darunter liegt. „Natürlich möchten wir dafür sorgen, dass der Baum eine große Krone entwickelt und angenehmen, lichten Schatten spenden kann“, erklärt Markus Pinter, Leiter des Referats Planung und Bau im Amt für Grünanlagen.

Was ist das Schwammstadtprinzip?

Das Schwammstadtprinzip in urbanen Räumen gibt den Bodenaufbau vor. Hierfür wird unterirdisch eine Schicht aus grobem Schotter angelegt, in die ein Sand-Kohlegemisch eingebracht wird. Diese Kohle ist mit Nährstoffen angereichert, die später an den Baum abgegeben werden. Durch diese Schicht kann sich das Wurzelwerk des Baumes ausbreiten und findet gute Wachstumsbedingungen vor, ohne die Infrastruktur an der Oberfläche zu belasten. Zudem kann Regenwasser versickern und wird in dieser Schicht gespeichert, bevor es langsam über die Verdunstung an den Blättern für Kühlung sorgt.

Das Schwammstadtprinzip hat somit drei klare Vorteile: Entlastung des Kanalsystems bei Starkregenereignissen durch lokale Versickerung, höhere Vitalität der Bäume durch größere Wurzelräume sowie die Wirkung einer natürlichen Klimaanlage durch Verdunstung von Wasser im Blattwerk.

Markus Pinter ist verantwortlich für sämtliche neue Grünstrukturen, die in Innsbruck entstehen. „Das muss der Baum allerdings auch über Jahrzehnte leisten können, daher müssen wir den Bäumen den nötigen Lebensraum bieten“, ergänzt er. „Mit dem Schwammstadtprinzip haben wir hier zwei Vorteile: Einerseits bietet es ausreichend Platz für den Wurzelstock und damit Wachstumsmöglichkeiten, andererseits kann das Regenwasser vor Ort versickern, direkt dem Baum zugutekommen, anstatt wie üblich in urbanen Räumen in den Kanal abzufließen, und so auch Überflutungen reduzieren.“

„Mit dem Schwammstadtprinzip haben wir hier zwei Vorteile: Einerseits bietet es ausreichend Platz für den Wurzelstock und damit Wachstumsmöglichkeiten, andererseits kann das Regenwasser vor Ort versickern, direkt dem Baum zugutekommen, anstatt wie üblich in urbanen Räumen in den Kanal abzufließen, und so auch Überflutungen reduzieren“

Markus Pinter, Leiter des Referats Planung und Bau im Amt für Grünanlagen

Bildergalerie vom Bozner Platz

Wie geht es weiter?

Der Hitzeaktionsplan skizziert einen langfristigen Plan für die Stadt Innsbruck, um den Menschen eine verträgliche Anpassung an den Klimawandel zu ermöglichen. Sogenannte „Quick Fixes“ wie Sprühnebel, Sonnensegel und mobile Abkühlungsbrunnen stehen unter anderem kurzfristig an. Mittelfristige Maßnahmen wie die Erhöhung des Baumbestands, die konsequente Beschattung von Flächen sowie die Begrünung von Bauwerken sind ebenfalls vorgesehen. Langfristige Projekte, wie weitere klimafitte Platzgestaltungen, die Schaffung „blauer“ Infrastruktur mit Wasser und ein Umdenken in Sachen Mobilität, sollen eine Guideline geben, wohin die Reise für Innsbruck geht.

Wie so oft beginnt alles mit einem guten Plan – egal ob bei der Sanierung oder der Anpassung einer ganzen Stadt an den Klimawandel. Unsere Geschichten des Gelingens haben dies gemeinsam: Ein klares Ziel gibt die Richtung vor. Ein Plan weist den Weg und sorgt für eine strukturierte Umsetzung. Nur wenn beides zusammenpasst, wird Tirol im Jahr 2050 energieautonom und bleibt lebenswert.

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