Die Zustimmung der Tiroler Bevölkerung zum Ausbau erneuerbarer Energien ist hoch. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Energieagentur Tirol. Insbesondere Photovoltaik stößt auf breite Akzeptanz: 95 Prozent der Befragten befürworten den Ausbau von Photovoltaikanlagen auf Dächern. Auch in Skigebieten wird der Ausbau mehrheitlich unterstützt – 79 Prozent sprechen sich hierfür aus. Damit zeichnet sich ein klares Bild ab: Während der Ausbau verschiedener Energieprojekte – von Windkraft über Wasserkraft bis hin zu Netzinfrastruktur sowie Nah- und Fernwärmenetzen – laut Umfrage grundsätzlich begrüßt wird, findet Photovoltaik insbesondere dort breite Unterstützung, wo bestehende Flächen genutzt werden.
Ein Beispiel dafür ist ein Pilotprojekt entlang der A12 im Inntal, das im Herbst 2025 fertiggestellt wurde. Zum ersten Mal in Tirol hat die ASFINAG auf insgesamt 1,2 Kilometern Lärmschutzwand Photovoltaik-Module installiert. Mit einer Leistung von 229 Kilowattpeak produziert die Anlage zu Spitzenzeiten bis zu 1.600 Kilowattstunden Strom pro Tag. Der jährliche Ertrag von rund 220.000 Kilowattstunden entspricht dem Strombedarf von etwa 55 durchschnittlichen Einfamilienhäusern mit vier Bewohner*innen. Verwendet wird der Strom für den Betrieb des Rastparkplatzes und zukünftig für E-Ladestationen für Pkw und Lkw.
Die Nutzung von Lärmschutzwänden zur Energieerzeugung ist naheliegend, bringt jedoch auch technische Anforderungen mit sich und ist deshalb noch Neuland in Tirol. Denn Lärmschutzwände sind ursprünglich nicht dafür ausgelegt, zusätzliche Lasten oder sensible Technik wie Photovoltaik-Module zu tragen. Zudem wirken entlang von Autobahnen besondere Umweltfaktoren wie Streusalz im Winter, das Materialien beansprucht und Korrosion begünstigen kann.
Um die Sicherheit langfristig zu gewährleisten, wurde eine robuste Unterkonstruktion entwickelt und mit Edelstahlschrauben verankert. Auch mögliche Bedenken von Autofahrerinnen und Autofahrern hinsichtlich Blendwirkungen konnten ausgeräumt werden: Die eingesetzten Module sind blendarm ausgeführt und verursachen keine störenden Reflexionen.
Ein weiteres Beispiel für die Nutzung bestehender Flächen entlang der Autobahn ist das Galeriedach in Schönberg, das ebenfalls mit Photovoltaik-Modulen ausgestattet wurde.
„Mit rund 1 Megawatt installierter Leistung ist sie die größte PV-Anlage der ASFINAG in Westösterreich“, erklärt Andreas Jörg, Projektleiter bei der ASFINAG.
Die Anlage wurde 2025 fertiggestellt, umgeben von den Stubaier Alpen und in unmittelbarer Nähe zu Anrainerinnen und Anrainern. Trotz ihrer Dimension fügt sie sich unauffällig in das Landschaftsbild ein und bleibt für die Umgebung kaum sichtbar.
Durch den steigenden Strombedarf von Verbrauchern wie Wärmepumpen und Elektroautos benötigen wir für unser gemeinsames Ziel TIROL 2050 energieautonom jeden nutzbaren Quadratmeter Dachfläche. Photovoltaik ist dabei der zentrale Baustein – und eine Investition, die sich rechnet, wenn sie klug eingesetzt wird. Der Schlüsselbegriff der neuen Energiewelt heißt Flexibilität: Strom dann nutzen, wenn viel davon produziert wird, und einspeisen, wenn das Netz ihn braucht. Denn wenn an einem sonnigen Mittag tausende Anlagen gleichzeitig einspeisen, kann der Einspeisepreis in diesen Spitzenstunden gegen null sinken – und Netzbetreiber*innen können Anlagen bei Bedarf kurzzeitig drosseln, um die Netzstabilität zu schützen.
Das ist kein Argument gegen Photovoltaik, sondern ein Argument für den flexiblen Einsatz. Besonders in den Randzeiten, morgens und abends, wenn die Nachfrage hoch und das Angebot knapp ist, rechnet sich Ihre Anlage am meisten. Ein Energiespeicher kann die Mittagsspitzen darüber hinaus überbrücken, puffert den Überschuss und gibt ihn genau dann ab, wenn er wertvoll ist. Auch eine Fassaden-Photovoltaikanlage ergänzt Ihre Dachanlage sinnvoll: Sie produziert Strom gezielt zu Zeiten, in denen die Sonne flacher steht. Die Investition lohnt sich – sie muss nur klug geplant sein.
Projekte auf Lärmschutzwänden stehen aktuell noch im Pilotstadium. Weitere Vorhaben dieser Art sind jedoch sinnvoll, um den Ausbau der Photovoltaik voranzutreiben und gleichzeitig Flächenkonflikte zu minimieren.
„Bis 2050 soll die Energieerzeugung mit PV in ganz Tirol von vier Prozent auf 20 Prozent gesteigert werden. So können wir unabhängig von Öl und Gas werden. Großanlagen wie die der ASFINAG sind ein wichtiger Beitrag, aber mindestens ebenso wichtig sind Anlagen auf privaten Ein- und Mehrfamilienhäusern“, sagt Rupert Ebenbichler, Geschäftsführer der Energieagentur Tirol.
Grundsätzlich gilt:
„Wer über die Installation einer PV-Anlage nachdenkt, sollte nicht den aktuellen, sondern den zukünftigen Strombedarf mitberücksichtigen. Denn eine entsprechend dimensionierte Anlage ermöglicht nicht nur das Laden eines E-Autos, sie lässt sich auch ideal mit einer Wärmepumpe kombinieren. So kann der Strom genau dann genutzt werden, wenn viel produziert wird“, ergänzt Thomas Vogel, PV-Experte und Energieberater bei der Energieagentur Tirol.