Flüsse, Seen und Quellen in Tirol können einen ergänzenden Beitrag zur Wärmewende leisten. Das zeigt eine aktuelle Studie der Energieagentur Tirol zur thermischen Nutzung von Oberflächengewässern. Die Ergebnisse: Das theoretische Potenzial ist groß, die konkrete Nutzung jedoch anspruchsvoll und vor allem nur lokal möglich. Vereinzelt kann die Nutzung von Gewässerwärme zum Heizen aber künftig einen zusätzlichen Baustein für die Umsetzung von TIROL 2050 energieautonom darstellen. Die Nutzung der Gewässer zu Kühlzwecken wird als kritisch erachtet.
Das Land Tirol will bis 2050 energieautonom werden. In anderen Worten: In spätestens 25 Jahren soll der Energiebedarf – im Jahressaldo betrachtet – vollständig mittels heimischer, erneuerbarer Energieträger gedeckt werden. Rupert Ebenbichler, Geschäftsführer der Energieagentur Tirol, hält fest:
„Um die Energieautonomie zu erreichen, müssen alle erneuerbaren Ressourcen berücksichtigt werden. Die neue Studie zeigt, dass bei der Dekarbonisierung des Wärmesektors Oberflächengewässer unterstützen können.“
Dabei wird die im Wasser gespeicherte Energie entweder durch Wasserentnahme oder über Wärmetauscher im Gewässer gewonnen. Mithilfe von Wärmepumpen wird diese Energie dann auf ein nutzbares Temperaturniveau gebracht und kann für Gebäude oder Wärmenetze eingesetzt werden. Das Gewässer wird dabei etwas abgekühlt.
Eine Nutzung der heimischen Gewässer zu Kühlzwecken wird als sehr kritisch erachtet. Der klimabedingte Temperaturanstieg in den Gewässern bringt schon jetzt zahlreiche Probleme. Wird Wasser zum Kühlen verwendet, geht es mit einer höheren Temperatur zurück ins Gewässer und würde die Gewässer damit zusätzlich belasten.
Obwohl das theoretische Potenzial hoch ist, liegt das realistisch nutzbare Potenzial nach ersten fachlichen Abschätzungen bei unter fünf Prozent. Hauptgrund sind die anspruchsvollen Standortbedingungen.
„Seen bieten zwar aufgrund stabilerer Temperaturverhältnisse und geringer hydrologischer Dynamik grundsätzlich gute Voraussetzungen, abgesehen vom Achensee liegen sie jedoch fernab von größeren Siedlungsbereichen“, betont Studienleiter Lukas Schifferle von der Energieagentur Tirol.
Auch größere Fließgewässer wie der Inn, sind aufgrund von Hochwasser, Treibgut, Steinen und ungeeigneter Wassertemperatur nur sehr eingeschränkt nutzbar.
Dennoch identifiziert die Studie konkrete Chancen für lokale Projekte. So könnte etwa der Achensee theoretisch sämtliche Gebäude in der e5-Gemeinde Eben am Achensee und Achenkirch mit Wärme versorgen. Aber auch andere Standorte haben Potenzial – besonders für den Ausbau der Fernwärme ohne zusätzlichen Biomasseeinsatz.
„Planung und Standortwahl sind anspruchsvoll, da einerseits die Temperaturverhältnisse im Gewässer passen müssen und andererseits zahlreiche ökologische Faktoren zu berücksichtigen sind“, halten die Studienleiter fest. Ebenbichler ergänzt: „Die Energiegewinnung aus Oberflächengewässer hat zwar kein flächendeckendes Potenzial, lokal kann sie aber eine wichtige Ergänzung auf dem Weg zu TIROL 2050 energieautonom sein.“
Gewässerwärme kann Heizkosten langfristig stabilisieren, die Abhängigkeit von fossilen Energien reduzieren. Geeignete Gewässer vorausgesetzt, können so besonders in dicht bebauten Gebieten neue Chancen für Fernwärme sowie für die eigene nachhaltige Wärmeversorgung einzelner Gebäude oder Betriebe entstehen.